Die Geschichte des größten Dorfvereins - der Jugend- und Sportverein 1920 Lehnheim e.V.

von Stefan Witkiewicz

 

Der Anfang

 Ende des 18. Jahrhunderts war durch die zeitgenössische Literaturentwicklung (etwa während der Sturm- und Drangzeit) ein Jünglings- und Jugendideal entstanden, das sich auf Jean Jacques Rousseau berief: Dieser hatte gefordert, die Jugendzeit als eigenständige Lebensphase durch Bildungsprozesse möglichst lange auszudehnen. Nur von den Kindern und Jugendlichen, so glaubte Rousseau, sei eine Erneuerung der Gesellschaft zu erwarten. Rousseaus Vorstellungen fanden sich in den Idealen der Jugendbewegung zur Jahrhundertwende wieder:

Gemeinschaftsgefühl und Gruppenerlebnis, Naturverbundenheit und Körperbewußtsein standen im Mittelpunkt einer neuen Lebensanschauung, die durch gemeinsame Fahrten und Wanderungen, Musizieren und Tanzen gelebt werden sollte. Ausdruck fand der neue Geist der Gemeinschaft in den bündischen Zusammenschlüssen der Jugendbewegung, womit diese an den Korporatismus der Jugend von 1848 (etwa in der Freischar und den Burschenschaften) anknüpfte.

 

Die erste Gruppenbildung der Jugendbewegung war der „Wandervogel“, der ab 1896 aus einer Schülerwandergruppe entstand und sich über das ganze Deutsche Reich und die deutschsprachigen Nachbarländer ausbreitete. Die sich sehr schnell entwickelnde Jugendbewegung war anfangs eine reine Jungengemeinschaft. Erst nach 1911 änderte sich dies. Neben gemischten Gruppen entstanden solche mit ideologischem (sozialistischem, nationalem, katholischem, evangelischem und jüdischem) Gepräge. Später erfolgten Zusammenschlüsse der Jugendgruppen zu übergreifenden Bünden, etwa zum Bund der Wandervögel oder zum Bund der Pfadfinder.

 

Die Gründung des „Jugend-Verein Wanderlust“

 Auch in unserem Dorf fanden sich junge und ältere Burschen zusammen, um die dörfliche Harmonie und Geselligkeit zu fördern. Bereits vor der offiziellen Gründung des „Jugend-Verein Wanderlust Lehnheim“ richtete die Dorfjugend ein Fest aus. Es fand am 11. und 12. Juli 1920 auf dem ehemaligen Festplatz am „Lehnheimer Köppel“ statt. Mehrere auswärtige Jugendvereinigungen, darunter auch der Musikverein Grünberg, wohnten der Veranstaltung bei. Aus dem Gewinn stiftete man 50 Mark für eine Ehrentafel, die zur Erinnerung an die hiesigen gefallenen Soldaten des ersten Weltkriegs in der Kirche zu Stangenrod angebracht wurde. Der restliche Gewinn diente zur offiziellen Gründung des „Jugend-Verein Wanderlust Lehnheim“, die am 19. Juli 1920 auf der Oberstube der Gastwirtschaft Dickhardt erfolgte.

 

Die Gründer des Vereins waren:

Friedrich Schneider, Gustav Grün, Gustav Klös, Wilhelm Stühler, Heinrich Thraum, Wilhelm Horst, Heinrich Schneider, Gustav Biedenkapp, Heinrich Schmidt, Karl Jost, Karl Schmidt, Wilhelm Körber, Otto Naumann, Heinrich Jüngel und Otto Jost.

 

Der neugegründete Verein setzte sich aus aktiven und passiven Mitgliedern zusammen. Zu den aktiven Mitgliedern gehörten die Füchse und die Burschen, zu den passiven zählten die alten Herren. Jedes neu eingetretene Mitglied musste mindestens ein Fuchsjahr und ein Jahr als aktiver Bursche ableisten. Im ersten Jahr ihres Eintritts wurden die Füchse vom Fuchsmajor in das Vereinsleben eingeführt. Die Aktiven mussten an allen Versammlungen, Vereinsabenden und Wanderungen teilnehmen. Die nun folgenden Jahre wurden der Ausgestaltung des Vereinslebens gewidmet. Vor allem das Wandern bestimmte das Vereinsbild. Der damalige erste Vorstand organisierte Wanderungen in die nähere und weitere Umgebung. Besonders beliebt waren die Grenzgänge, die oft zu richtigen Familienausflügen wurden, auf denen man sich mit allen mal ausgiebig über das Dorfgeschehen unterhalten konnte. An der ersten großen Wanderung, die zwei Monate nach der Vereinsgründung im September 1920 organisiert wurde, nahmen fast alle Mitglieder teil. Ziel war der Hoherodskopf. Von dort ging es zum Taufstein und weiter nach Schotten. Hier wurde eine schon lang ersehnte Pause eingelegt. Von Schotten marschierte man zum Bahnhof Laubacher Wald und fuhr von dort mit der Bahn nach Mücke. Das letzte Stück musste dann wieder zu Fuß zurückgelegt werden. Zweifellos hatten die Wanderer an diesem Tag auch eine große sportliche Leistung vollbracht. Die nächste größere Wanderung führte im Juni 1922 die gesamte Lehnheimer Dorfjugend zur Amöneburg. Sogar die Mädchen hatten sich diesmal angeschlossen. Der Weg führte über Beltershain, Schadenbach und Deckenbach quer durch das schöne Ohmtal und dauerte sechs Stunden. Nach einer längeren Pause und Besichtigung aller Sehenswürdigkeiten fuhr man mit der Bahn nach Hause. Auch dieser Tag war ein besonders schönes und heiteres Erlebnis. Um den Jüngeren die Umgebung ihres Heimatortes vertraut zu machen, wurden des öfteren kleinere Wanderungen und Grenzgänge durchgeführt, bei welchen heimatliche Vorträge gehalten wurden. Jeweils zum 1. Mai trafen sich Mitglieder und Freunde zu einer kleinen Feier bei der Schiedslinde. Auch Theaterabende waren bei Jung und Alt sehr beliebt. Der Jugend-Verein Wanderlust gewann in der Umgebung immer mehr an Bedeutung. Um Mitgliedern und Freunden noch mehr bieten zu können, hatten einige Musikbegeisterte ein Blasorchester gegründet. Damit hatte der Verein auch eine eigene Musikabteilung und bei Theaterabenden, Jugendfesten und anderen Veranstaltungen eine eigene Dorfkapelle. Unter Leitung seines bewährten Vorsitzenden und späteren Ehrenvorsitzenden, Gustav Grün, erlebte der Verein nun seine größte Blütezeit. Leider wurde die frühere Vereinsgeschichte nicht weiter dokumentiert. So sind die Daten, Namen und Ereignisse bis nach dem zweiten Weltkrieg nach Erinnerungen älterer Vereinsmitglieder wiedergegeben.

 

Vorsitzende des Vereins von 1920 bis heute

Friedrich Schneider 1920

Gustav Biedenkapp 1921

Gustav Grün 1922 bis 1928

Ernst Appel 1928 bis 1932

Gustav Grün 1932 bis 1935

Gustav Grün 1949 bis 1950

Willi Reitz 1951

Richard Grün 1952 bis 1963

Karl-Heinz Wilhelm 1963 bis 2008

Daniela Jobst 2008 bis heute

 

Angliederung einer Fußballmannschaft

 Im Jahre 1929 wurde dem Jugend-Verein Wanderlust eine Fußballmannschaft angegliedert. Trotz der Inflationszeit mit all ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten stellten die Gemeindeväter ihrer fußballbegeisterten Dorfjugend im gleichen Jahr den ersten Fußballplatz zur Verfügung. Er lag auf dem „Buchenborn“, oberhalb des Wäldchens, auf einer unebenen, von Findlingen durchsetzten Trift und verdiente wohl eher die Bezeichnung „Bolzplatz“.

 

Der zweite Lehnheimer Fußballplatz war eine Verbesserung gegenüber dem ersten. Er befand sich auf einer Gemeindewiese am Nieder-Ohmener-Weg, unterhalb der fünf Linden. Und die dritte Station der Fußball-platz-Geschichte war eine Gemeindewiese „Zwischen den Wäldchen“, oberhalb des „Stegenteichs“.

Die Lehnheimer Fußballspieler der ersten Jahre waren: Erwin Böninghausen, Karl Dörr, Willi Dörr, Fritz Papst, Karl Phillip, Karl Trost, Willi Schwing, Gustav Jüngel, Heinrich Jüngel IV., Philipp Jüngel und Hermann Weiß.1934/35 wurde den Lehnheimer Spielern erneut ein Spielfeld zugewiesen. Dieses lag am Abtsteich, in dem Teil des heutigen Teiches, der nach Lehnheim zeigt. Die damalige Fußballmannschaft kam aus zwei Ortschaften. Aus Lehnheim spielten: Rudolf Dörr, Hans van gen Hassen, Robert Karl, Heinrich Horst, Karl Jüngel und Ernst Walther. Aus Stangenrod kamen Gustav Hasselbach und Alfred Schultheiß. Wenn es erforderlich war, standen ältere und jüngere Spieler zur Verfügung. In dieser Zeit sind allerdings nur Freundschaftsspiele ausgetragen worden. Die Anmeldung im Hessischen Fußball-Verband erfolgte erst in den Jahren 1936/37.

 

 

In den Kriegsjahren

 Im zweiten Weltkrieg kam der Fußballsport schließlich weitgehend zum Erliegen. Viele Spieler wurden eingezogen, einige kehrten aus dem Krieg nicht mehr zurück. Der Jugend-Verein Wanderlust musste seine Aktivitäten in diesen schwierigen Jahren schließlich ganz einstellen. Der Neubeginn nach Kriegsende war äußerst schwer, denn es standen nicht genügend Spieler zur Verfügung. Schließlich wurde eine aus Lehnheimer, Atzenhainer und Weickartshainer Spielern kombinierte Mannschaft gebildet. Der offizielle Zusammenschluss der „Spielergemeinschaft Atzenhain-Lehnheim“ erfolgte am 1. März 1947. Erster Vorsitzender war Ernst Walther (Lehnheim), zweiter Vorsitzender Emil Hedrich (Atzenhain), Schriftführer und dritter Vorsitzender war Willi Thraum (Lehnheim). Wann und aus welchen Gründen diese Spielergemeinschaft aufgelöst wurde, ist nicht mehr in Erinnerung. Die Spieler der ersten Nachkriegsjahre waren: Gustav Becker, Richard Dörr, Karl Pabst, Erwin Dörr, Helmut Erb, Helmut Grün, Robert Karl, Erich Körber, Heinrich Naumann, Walter Körber, Ludwig Reitz, Wilhelm Schlosser, Willi Thraum, Erwin Wagner und Franz Wallisch. Aus Atzenhain spielten: Heinrich Herrmann, Helmut Jost und Hermann Lenz. Die Weickartshainer Spieler waren: Günther Fikar, Albert Rohn, Otto Schmidt, Heinrich Schmaus, Josef Soporski; und aus Grünberg kam Gerd Schneider.

 

 

Die Neugründung

 Im Jahre 1948 befassten sich Gustav Grün, Gustav Dickhardt, Ernst Heß, Wilhelm Eckhardt und Heinrich Reitz und auch die Jugend mit dem Gedanken, den Verein wieder aufleben zu lassen. Etliche Zusammenkünfte und Besprechungen waren nötig, um den Weg für die Zulassung des Vereins zu ebnen und ihn am 25. Februar 1949 im Vereinslokal Dickhardt wieder ins Leben zu rufen. In der ersten Hauptversammlung am 12. März 1949 wurde Gustav Dickhardt zum ersten und Richard Dörr zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Erster Schriftführer wurde Ernst Heß, als sein Stellvertreter amtierte Hans Müller. Willi Thraum wurde Rechner und Helmut Scharmann Fuchsmajor. Der neue Vorstand reichte beim Landrat des Kreises Alsfeld einen Genehmigungsbescheid auf Zulassung des Vereins ein. Die Entscheidung darüber aber fällte die amerikanische Militärbehörde. Gemäß einem Sitzungsbeschluss des Kreisjugendausschusses vom 28. April 1949 wurde die Genehmigung erteilt und der Verein registriert.

 

Das Vereinsleben konnte fortan nun auch offiziell neu belebt werden. Wandern und Ausflüge wurden zwar immer mehr durch den Fußballsport verdrängt, wohl auch bedingt durch die nun einsetzende Motorisierung, dennoch fanden jedes Jahr Theaterabende, 1.-Mai-Wanderungen oder Radtouren statt. Bei der Feldbereinigung im Jahre 1949 wurde das Gelände für einen dringend notwendigen Sportplatz am „Lochweg“ bereitgestellt, nachdem die Fußballplatz-Odyssee während der Nachkriegszeit zunächst in der „Oissewisse“, dem „aale Deich“ und am „Welle Haus“ ihre Fortsetzung fand. Das nun ausgewiesene Gelände musste sportgerecht hergerichtet werden. Alle Mitglieder (jeder musste 20 Arbeitsstunden im Monat ableisten) und die Gemeinde waren schon oft zu stärkeren Leistungen aufgefordert worden. Bei einer Mitgliederversammlung am 2. Januar 1953 in der Gastwirtschaft Dickhardt kam es deshalb fast zu einem Eklat. Der damalige Schriftführer des Vereins, Willi Stühler, notierte im Vereinsprotokollbuch:

 

„Als letzter Punkt der Tagesordnung stand wieder der alte kritische Punkt: Sportplatz. Es entwickelten sich sofort Diskussionen, die fast die Debatten im Bundestag übertrafen. In Opposition standen die fünf Vereinskameraden unserer Gemeindevertretung. Sie wurden beschuldigt, dass sie als Gemeindevertreter sich noch in keiner Weise für die Fertigstellung unseres Sportplatzes eingesetzt hätten. Sie wehrten sich aber ihrer Haut, indem sie erklärten, dass erst einmal ein schriftlicher Antrag zur Fertigstellung des (halbfertigen) Sportplatzes von Seiten des Vereins an die Gemeindevertretung eingebracht werden müsse, damit dieser Punkt in einer Gemeinderatssitzung zur Debatte kommen könnte. Daraufhin wurde (sofort) ein Ausschuss gebildet, der diesen Antrag schrieb. Kamerad Grün wird ihn beim Bürgermeister einreichen.“

 

Der Bau des Sportplatzes wurde also nicht von heute auf morgen vollzogen. Es dauerte einige Monate bis eine amerikanische Planierraupe und ein Rollwagen den Erdausgleich erledigen konnten. Ein kleiner Zuschuss aus Lottomitteln, den die Gemeinde beantragt hatte, half dem Verein aus den größten finanziellen Nöten. In den kommenden Jahren wurden im Dorf jährliche Veranstaltungen unter Mitwirkung des Vereins durchgeführt. Sehr beliebt waren die Familien- und Theaterabende, die stets in einem überfüllten Saal stattfanden. Aber auch die Maitouren und die Fahrten in die Rhön und auf den Schiffenberg waren eine willkommene Abwechslung und fanden eine gute Beteiligung unter den Dorfbewohnern. Die Fußballer schlossen sich im Jahre 1950 mit unserem Nachbardorf Stangenrod zusammen. Der Verein führte den Namen „Sportverein Stangenrod/Lehnheim“. Diese Spielgemeinschaft hielt allerdings nur fünf Jahre, ab 1955 war Lehnheim wieder selbständig. Die erste Mannschaft spielte dann auch gleich eine beachtliche Rolle in der B-Klasse Alsfeld und errang im ersten Spieljahr die B-Klasse-Meisterschaft und somit den Aufstieg in die A-Klasse Alsfeld, der man bis 1963 angehörte.

 

 

 Fußballgrößen der fünfziger Jahre

Hinten von links: Richard Dörr, Robert Karl, Wilfried Geiß, Richard Grün, Franz Ziska.

Mittlere Reihe von links: Karl-Heinz Wilhelm, Erwin Dörr, Erich Eckhardt.

Vorne von links: Erfried Kauer, Willi Jüngel und Erhard Schlosser.

 

Auf einer Mitgliederversammlung wurde in diesem Jahr die Eintragung des Vereins ins Vereinsregister beim Amtsgericht Grünberg beschlossen. Der seitherige Vereinsname wurde in „Jugend- und Sportverein 1920 Lehnheim e.V.“ umgeändert. Der neue Name wurde mit 34 Ja-Stimmen und 1 Nein-Stimme angenommen. Da auch die Satzung wegen der Eintragung geändert werden musste, wurde der erweiterte Vorstand damit beauftragt. Die neue Satzung sollte aus der Jugendvereinssatzung und der Mustersatzung des Hessischen Fußball-Verbandes bestehen. Von nun an begann die Geschichte des Vereins im Prinzip neu, zumal sich der wirtschaftliche Aufschwung der sechziger Jahre auch in den Vereinen bemerkbar machte. Im Jahre 1964 wurde am Sportplatz eine neue Flutlichtanlage in Eigenleistung installiert. Dies war im gesamten Umkreis die erste, die es ermöglichte, auch in den Wintermonaten den Spielbetrieb zu gewährleisten. Zuschüsse des Kreises und des Hessischen Fußball-Verbandes halfen dem Verein bei der Beschaffung der neuen Anlage.

 

Mannschaft aus den fünfziger Jahren

Stehend von links: Wilfried Geiß, Robert Klös, Friedel Reitz, Erhard Schlosser,

Manfred Schulze, Robert Karl, Richard Grün, Edgar Dickhardt.

Vorne von links: Franz Ziska, Horst Ziska, Dieter Witkiewicz.